Reaktionen
- koelnarchitektur.de: Mut zur Kultur?
- Leserbrief Neubau des Schauspielhauses - Brief von Frau Beier
- Brief Prof. Dr. Anna-Dorothee von den Brincken
- Brief Marina Barth / Kabarett Klüngelpütz
- Information der ver.di Fachgruppe Theater und Bühnenektur.de: Mut zur Kultur?
19. Februar 2010
koelnarchitektur.de: Mut zur Kultur?
»Nicht immer sind es Mut und Keuschheit, die die Männer mutig machen und die Weiber keusch.« - François de La Rochefoucauld, Reflexionen
Verkehrte Welt, wird sich manch nicht-Kölner Feuilletonleser in den letzten Wochen gedacht haben: Der Stadtrat greift kurz vor Weihnachten in die klammen Taschen, um mit einem neuen Schauspielhaus in Reputation und Standing der Bühnen zu investieren, und die halbe Kulturszene ruft, um Gottes Willen, nur das nicht. Und reklamiert für sich auch noch den eigentlichen » Mut zur Kultur.« Mit dem Argument der kreativen Bescheidenheit – lieber tolle Stücke als teure Architektur – und der Verbeugung vor dem historischen Erbe und einer ideellen Heimat haben die Initiatoren in den Medien und bei der Bevölkerung viel Sympathie erfahren.
Und einen Nerv getroffen, denn der »Verdruss von Jahren« – so der treffende Titel des KStAs vom 05.02. – eint Bürger und Kulturschaffende. Was sie machen, machen sie falsch, die Kölner Kulturpolitiker. Zuerst schnüren sie ein ziemlich großes Wunschpaket, für das aber die veranschlagten 234 Mio. Euro nicht reichen. Ergo schrauben sie ihre Vorstellungen herunter, erhöhen die Investition auf 300 Mio. Euro und kriegen nun einen teuren Neubau, der gar nicht viel besser funktioniert als ein sanierter Altbau. Und der würde zusammen mit dem Umbau der Oper nur 180 Mio. Euro kosten - glauben die Initiatoren des Bürgerbegehrens.
Symbol für alles was in Köln nicht funktioniert
Oder kriegt die Stadt diesmal doch unverdient Schimpfe? Die Ratsentscheidung vom Dezember fußt schließlich auf einem jahrelangen demokratischen Prozess und ist die Konsequenz aus vorher erfolgten Weichenstellungen. Der ursprüngliche Plan wurde abgespeckt um ein paar Luftschlösser (Ballett), sperrige Gegenstände (Schmiede und Schlosserei im Werkstattgraben) und andere » nice to haves« (zweiter Lastenaufzug) und wird immer noch deutlich funktionalere Spielorte bieten als ein sanierter Altbau das zu leisten in der Lage wäre.
Die im Raume stehenden Kostenschätzungen sind alles Rechnungen mit vielen Unbekannten, und Sanierungen sind noch schwieriger zu beziffern als Neubauprojekte. Sowohl die Stadt als auch JSWD Architekten / Chaix & Morel veranschlagen allein für die Sanierung der Oper 160 Mio. Euro. Der Schauspielhaus-Neubau soll 120 Mio. Euro kosten. Demgegenüber steht das städtische Gutachten von 60 Mio. Euro Sanierungskosten für das Schauspiels und weiteren 40 Mio. für ein kleineres Ergänzungsgebäude. Bei dieser Rechnung stünde am Ende eine Einsparung von 20 Mio. Euro. Hinzu kämen aber neue Kosten für ein neues VOF-Verfahren, einen Neubau-Wettbewerb und einer Neuplanung für das Opernhaus.
Bleibt die Frage, wofür Köln wirklich den Mut aufbringen will: für den Erhalt eines liebgewonnenen 60er Jahre Schauspielhauses, bei dem man sich am Ende wahrscheinlich zugestehen muss, dass es trotz enormer Finanzmittel doch nur mehr schlecht als recht funktioniert, oder für eine komfortable und funktionale Neulösung, die städtebaulich das Potenzial hat, ein anziehendes Innenstadtquartier zu schaffen. So mutlos war der Stadtrat vielleicht diesmal gar nicht.
Ira Scheibe
9. Februar 2010
Leserbrief Neubau des Schauspielhauses - Brief von Frau Beier
Wer die Kölner Verhältnisse kennt, freut sich, dass der Rat endlich eine Entscheidung zum Neubau des Theaters und zur Renovierung der Oper getroffen hat. Wer in verantwortlicher Stelle wie Frau Beier allerdings jetzt noch, nachdem 5 Jahre auf allen Ebenen beraten worden ist, eine Änderung durch Leserbriefe und Unterstützung der Bürgerinitiative herbeiführen will, muss sich Fragen gefallen lassen.
Warum kommt unsere Schauspielintendanten auf die Idee, das Schauspielhaus solle doch lieber renoviert als ein neues Haus gebaut werden? Da ist der Außenstehende doch zunächst einmal verwundert. Jeder andere freut sich doch , wenn er ein neues Haus erhält, zumal wenn er es nicht bezahlen muss. Nur Frau Beier nicht? Was befürchtet denn Frau Beier? Mir scheinen andere Motive ausschlaggebend zu sein.
Richtig ist, dass sie in der Zeit zwischen Abriss des alten Schauspielhauses und dem Bezug des neuen circa drei Jahre mit ihrem Schauspielern an andere Orte umziehen und für diese Zeit einen Spielplan für verschiedene Schauspielorte aufstellen müsste. Dabei dürften allerdings die schon jetzt zurückgehenden Besucherzahlen nicht noch weiter abbröckeln. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie dieser Belastung und dem befürchteten Imageschaden aus dem Wege gehen will.
Aber vielleicht spielt es auch eine Rolle, dass ihr Vertrag mit der Stadt Köln nur noch drei Jahre läuft. Also scheint sie für ihre drei Jahre lieber im alten Haus aufführen zu wollen. Wenn sie nach Ende ihres Vertrages Köln verlässt, soll dann doch eine andere Person als Intendant/-in den „Karren aus dem Dreck ziehen“. Mir scheint dieses Manöver relativ durchsichtig. Da kommt ihr die Bürgerinitiative gerade richtig. Denn eine Bürgerbefragung und ein erfolgreicher Bürgerentscheid hätte eine neue Planung und Ausschreibung mit Einsprüchen zur Folge, d.h. wenigstens nochmals fünf Jahre ohne Renovierung.
Außerdem erweckt Frau Baier den Eindruck, dass die bei einer Renovierung eingesparten Gelder dem Schauspielhaus vom Rat zur Verfügung gestellt würden. Die politische Realität sieht anders aus. Darüber entscheidet der Rat der Stadt und nicht eine vom Rat eingesetzte Schauspielintendantin.
Mit dem Ratsbeschluss ist endlich im kulturellen Bereich ein wichtiger Schritt getan worden. Angesicht noch vieler Baustellen in Köln wie z.B. Stadtmuseum, Stadtarchiv, Rheinufertunnel bin ich als Kölner Bürger froh, dass wenigstens ein Projekt auf den Weg gebracht worden ist.
Mit freundlichen Grüßen
Th. Soffele
4. Februar 2010
Brief Prof. Dr. Anna-Dorothee von den Brincken
Seit 47 Jahren in der Riphan-Oper abonniert, hat man in den siebziger und achtziger Jahren dort großartiges Musik-Theater erleben dürfen, dann um die Jahrtausendwende einen beispiellosen Niedergang ertragen müssen und im 21.Jahrhundert das Überleben des Hauses registrieren können. Seit Beginn dieser Saison gibt es wieder ganz große Oper in Köln als Vorgeschmack auf das restaurierte Haus. Soll dieser Hoffnungsstrahl nun dem Macht- und Profilierungskampf den Mutigen zur Kultur und einer Mediencampagne zum Opfer fallen? Da möchte ich meine Stimme den Unmutigen geben dürfen und bitte um Auskunft, wo ich mich eintragen darf.
Univ.-Prof. Dr. Anna-Dorothee von den Brincken
3. Februar 2010
Brief Marina Barth / Kabarett Klüngelpütz
Liebe Frau Beier,
Sie sagen es: Wir Künstler nehmen unsere Person schnell zu wichtig! Wenn wir für eine Sache kämpfen, dann natürlich mit Leidenschaft und mit den Mitteln des Theaters. Großer Aufzug, viel Rauch, Donner und griechische Tragödie. Wenn mir das in den nächsten Zeilen auch passiert, erbitte ich Nachsicht.
Dass Sie eine Meisterin Ihres Fachs sind und ein unglaublicher Glücksfall für das Kölner Schauspiel, ist sicher über jeden Zweifel erhaben.
Trotzdem haben Sie nach meiner Einschätzung Unrecht -- bei allem Respekt. In vielfacher Hinsicht.
Ihr Eindruck, dass der offene Brief auf der Website der Oper so wirke, als sei dies auch Ihre Meinung oder die der gesamten städtischen Bühnen, ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Auf die Idee kommt man vermutlich nur, wenn man sich übergangen fühlt -- dies ist aber ein internes Problem, das man nach meinem Geschmack auch intern -- und nicht in der Zeitung -- lösen sollte.
Wurde der Brief des Herrn Laufenberg nicht erst veröffentlicht, nachdem Sie bereits mit Ihrer Meinungsänderung an die Öffentlichkeit gegangen sind und ein Bürgerbegehren bereits (doch auch von Ihnen!?) zugunsten des Verzichts auf den Neubau initiiert war? Möglicherweise auch, ohne das mit Herrn Laufenberg abzusprechen? Wie man in den Wald ruft, so schallt es gemeinhin heraus...nur dass der staunende Zaungast nicht weiß, wer da ruft und wer schallt!
Ich finde Meinungsverschiedenheit hilfreich, vertreten Sie doch beide Ihre Positionen, so gegenteilig sie in der Sache auch sein mögen und argumentieren Sie lieber, als Ihrem Kontrahenten Böses zu unterstellen!
Ich habe bislang noch kein Argument gegen den Neubau gehört, das wirklich sticht.
Geld ist für beides nicht da. Es entbehrt meines Erachtens jeden Zusammenhangs, dass ein Verzicht auf den Neubau Ihnen beiden in den kommenden Jahren ein unangetastetes Bühnen-Budget bescherte, so sehr ich Ihnen das wünschte! Die Argumente, dass eine Entflechtung der beiden Betriebe für beide Häuser zwingend geboten ist,Bühnenumbau oft ein unlösbares Problem und damit spielfreie Tage zur Folge hat, stehen für mich noch genauso unangetastet im Raum wie der Verbleib der Kinderoper, die Frage der Probebühne und die unangemessene Größe des alten Schauspielhauses, das (architektonisch) immer nur nachträgliches Anhängsel der Oper war und deshalb endlich eine eigene, zukunftsweisende architektonische Position verdient. Und der Zeitfaktor ist auch nicht von der Hand zu weisen, egal wie lang er am Ende ist, deutlich länger im Falle eines erneuten Verfahrens auf jeden Fall.
Es kann doch nicht sein, dass die (aus Kostengründen) gestrichenen Werkstätten der ausschlaggebende Punkt sind. Das eingestürzte Archiv und die Krise sind es auf gar keinen Fall. Im Gegenteil. Gerade in unerträglichen Zeiten der Unkultur, der Unmoral und der Verunsicherung müssen in einer Stadt Zeichen gesetzt werden, die weithin sichtbar sind.
Und zwar auf demokratischem Weg von unseren Politikern, den frei (und ganz frisch) gewählten Vertretern ihrer Stadtbevölkerung und nicht wie einst von den reichen Patriziern dieser Stadt -- auch wenn einige von denen das bis heute nicht verwunden haben :).
Was für ein Zeichen wäre das, dass Köln in diesen Zeiten ein neues Schauspielhaus baut, während in NRW andere Städte ihre Theater schließen!
Als der Riphan-Bau (der Oper) vom Rat dieser Stadt beschlossen wurde, hatte Köln auch ganz andere Probleme. Es lag noch zum großen Teil in Trümmern, das Geld war mehr als knapp und der Bürger tat sich sowohl mit der Demokratie als auch mit der modernen Architektur noch recht schwer.
Hätte man diese Bürger mobilisiert, hätten sie damals für Fressen gestimmt und nicht für die Moral -- oder gar für die Kunst.
Das Theater gehört niemandem, liebe Frau Beier, auch da widerspreche ich Ihnen vehement, weder Ihnen, noch der Politik, weder Herrn Laufenberg noch dem Bürger -- es ist Ausdruck des Menschseins, nicht mehr - aber auch nicht weniger, es darf niemandem verpflichtet sein außer dem Menschlichen.
Oder wie Kurt Hackenberg, der legendäre Dezernent Kölns zu sagen pflegte: "Es ist kein Orchestrion, in das man oben Geld einwirft und unten fängt es zu klimpern an." -- als habe man darauf ein Recht als Eigentümer und Geldgeber. Übrigens auch zu dessen Zeiten litt die Kultur unter katastrophal leeren Kassen und die Gesellschaft unter großen Umbrüchen und dennoch beschloss man in Köln nach langer Debatte in den Siebzigern, die Philharmonie zu bauen.
Liebe Frau Beier, lieber Herr Laufenberg ich halte in schlimmen Zeiten viel von Solidarität -- der Solidarität unserer Zuschauer mit den großen und kleinen Bühnen ihrer Stadt -- aber auch Solidarität unter Künstlern und Theaterleuten, so schwierig das bei einem Haufen verrückter Individualisten, denen permanent das Wasser bis zum Hals steht, auch sein mag.Unsere Theaterzeitung ist ein solcher aKT der Solidarität, die Theaterkonferenz ist einer, vom einstigen Intendanten des Kölner Schauspiels, Jürgen Flimm, vor 30 Jahren mitbegründet, oder die Theaternacht.
Es könnte auch die gegenseitige Wertschätzung der Intendanten unser städtischen Bühnen ein Fanal für Solidarität werden(trotz aller Meinungsverschiedenheit!), die Wertschätzung beider für die freie Theaterszene und natürlich umgekehrt. Vielleicht wäre sogar eine große gemeinsame Aktion für Theater oder kulturelle Bildung die richtige Antwort auf unsere aktuellen Existenzängste und erwarteten Kürzungen.Wir müssen gemeinsam der Politik und unseren Mitbürgern in riesigen Lettern ins Bewußtsein pinseln, wie überlebensnotwenig Theater ist für die positive Entwicklung menschlicher Gemeinschaft. Gerade in Zeiten der Not und Entsolidarisierung ist es wichtig, sich nicht in Grabenkämpfen zu verlieren, die nicht gewonnen werden können.
Wie halten Sie es eigentlich mit der Solidarität -- als "Kollegin" erlebe ich bislang - mit Verlaub - Zurückhaltung bei unserer großen Intendantin, obwohl in der freien Szene doch ihre künstlerische Wiege stand -- täuscht dieser Eindruck?
Sie, Herr Laufenberg sind noch zu kurz in der Stadt, um ein deutliches Signal von Ihnen zu erhalten, aber gespannt bin ich auch bei Ihnen, welchen Stellenwert praktizierte Solidarität für Sie hat!
Es grüßt Sie herzlich
Ihre Marina Barth
3. Februar 2010
Information der ver.di Fachgruppe Theater und Bühnen
Quo vadis Schauspielhaus Köln?
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
nach acht jähriger Diskussion hat der Rat der Stadt Köln im Dezember die Sanierung der Oper und den Neubau des Schauspiels für 295 Mio. Euro beschlossen. Gegen den Neubau des Schauspiels formt sich jetzt Widerstand. Eine Initiative um die Intendantin des Schauspiels, Karin Beier, glaubt, dass eine Sanierung des Schauspiels eine kostengünstigere Variante sei. Ein eingeleitetes Bürgerbegehren spricht von 269,8 Mio. Euro. Die zusätzlichen Kosten für die Neuplanung, Wettbewerb, internationale Ausschreibung, Vergabeverfahren und schon absehbare juristische Auseinandersetzungen werden verschwiegen. Eine Aufhebung des Ratsbeschlusses kann die Realisierung des Projektes um bis zu zehn Jahre verzögern. Inflationsbedingte Mehrkosten und die Kosten für die Ausweichspielstätten verteuern die Sanierung zusätzlich. Ob eine Sanierung des Schauspiels am Ende billiger ist als der Neubau kann heute keiner sagen. Eine Sanierung löst auf keinen Fall die Raumprobleme. Eigene Probe-, Hinter- oder Seitenbühnen und Lagermöglichkeiten werden weiterhin nicht geschaffen werden. Die ineffektiven Transportwege bleiben unverändert. Unnötige kräftezehrende Transportleistungen werden weiterhin nötig sein. Auch technische Verbesserungen (Akustik, Technik) sind in dem vorhandenen Bau schwer oder überhaupt nicht durchführbar. Eine Aufhebung des Ratsbeschlusses durch ein Bürgerbegehren versetzt die Bühnen der Stadt Köln in einen „nicht steuerbaren Ausnahmezustand“ und kann sogar das „Ende des Spielbetriebes“ bedeuten (Intendant Uwe Eric Laufenberg). Deshalb: Den Ratsentscheid umsetzen! Neubau des Schauspiels, jetzt!
Eine Veröffentlichung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.
V.i.S.d.P.: Marin Nees, ver.di Bezirk Köln
