Krieg und Frieden

Krieg und Frieden
Sergej Prokofjew
Foto: Karl u. Monika Forster
Foto: Karl u. Monika Forster
  • Libretto von Sergej Prokofjew und Mira Mendelson
  • nach dem gleichnamigen Roman von Lew Tolstoi
  • in russischer und französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere

Fr 16. Sep. 2011

Mi 28. Sep. 2011

Opernhaus / 19:00 bis 22:20 / S 3 / 10 € - 50 €
Musikalische Leitung Michael Sanderling / Inszenierung Nicolas Brieger / Bühne Raimund Bauer / Kostüme Andrea Schmidt-Futterer / Licht Alexander Koppelmann / Choreographische Mitarbeit Otto Pichler & Athol Farmer / Chorleitung Andrew Ollivant / Dramaturgie Regine Palmai
Fürst Andrej Bolkonski
Natascha Rostowa
Sonja / 2. französische Schauspielerin
Gastgeber / Iwanow
Achrossimowa
Peronskaja / 1. französische Schauspielerin
Graf Ilja Rostow / Marschall Davout
Graf Pierre Besuchow
Gräfin Hélène Besuchowa
Anatole Kuragin
Leutnant Dolochow / Capitaine Jacqueau
Kammerdiener
Fürstin Marja Bolkonskaja
Fürst Nikolaj Andrejewitsch Bolkonski / General Belliard
Matrjoscha
Gawrila
Doktor Métivier / Marschall Berthier
Denissow
Ordonnanzoffizier des Fürsten Andrej
Napoleon
Adjutant des Generals Compans
Adjutant des Generals Murat
Adjutant des Fürsten Eugène / Gérard
de Beausset
Capitaine Ramballe
Leutnant Bonnet
Ein französischer Offizier
Platon Karatajew

Sergej Prokofjew begann schon im Kindesalter Opern zu schreiben und war bereits in jungen Jahren als Komponist und Pianist eine Berühmtheit. In der Revolutionszeit 1918 verliess der junge ehrgeizige Komponist Russland in Richtung Nordamerika, wo er in Chicago seinen Welterfolg Die Liebe zu den drei Orangen schrieb. Prokofjew lebte in Amerika, Deutschland und jahrelang in Paris, wo er unter anderem für die Ballets Russes von Serge Diaghilev komponierte. 1936 entschloss er sich endgültig in die Sowjetunion zurückzukehren. Hier erwartete den Heimkehrer ein Leben zwischen Stalinpreisen und Aufführungsverboten, und es entstanden Werke wie das Ballett Romeo und Julia, das Kinderstück Peter und der Wolf sowie seine wichtigste Oper Krieg und Frieden. Doch seine Biografie blieb zerrissen: Dem Westen war er für lange Zeit als bolschewistischer Komponist suspekt, in der Sowjetunion galt er als dekadenter Westler. Prokofjew, der sich nie als politischer Mensch verstand, blieb in seiner Heimat als Künstler bedrängt, durch Formalismusvorwürfe diffamiert und mit Aufführungsverboten belegt, doch weltberühmt. Er starb am 3. März 1953, am selben Tag wie Stalin. Die Musikgeschichte sieht ihn nicht als Neuerer, jedoch als den russischen Klassiker der Moderne.

Lew Tolstoi (1828 – 1910) genoss schon zu Lebzeiten Verehrung als der bedeutendste Russe. Die Wortkombination seines Buchtitels ermisst die Dualität der Welt, in der Menschen leben: Krieg und Frieden – im direkten und übertragenen, im privaten und gesellschaftlichen Sinne. Siege und Niederlagen, Überleben und Tod markieren die Schlachtfelder der Menschheitsgeschichte wie die Biografen seiner Romanfguren. Prokofjew plante seine Oper ausgehend von der intimen Szene, in der der verwundete ANDREJ nach Wanderungen durch die Abgründe des Lebens in NATASCHAS Armen sterbend den Moment tiefsten irdischen Glücks findet, begleitet von einem lyrischen h-moll-Walzer, dem musikalischen Zentrum der Oper, der zur Metapher für Liebe und Tod wird.
Auch in die Entstehung der Oper griff der Krieg ein. Kurz nach Beginn der Arbeit 1941 überraschte der Überfall Hitlers die Sowjetunion – wie Napoleons Grenzüberschreitung das damalige Russland. Wie seinerzeit mobilisierte und einte Patriotismus alle Schichten des russischen Volks im Großen Vaterländischen Krieg. Prokofjews »KRIEG UND FRIEDEN« bekam aktuellen Bezug. Abweichend von seinen Intentionen bedeutete dies nun die Betonung und Aufblähung der patriotischen Anteile des Opernplans durch große Chöre und heroische Massenszenen. Bis zum Lebensende rang Prokofjew mit der stalinistischen Kulturbürokratie um die Aufführung seiner Oper, Werk und Schöpfer wurden Opfer der Formalismusdebatten. Doch auch vielfache Änderungen, die sich der verzweifelte Komponist unermüdlich auferlegen ließ und selbst auferlegte, verhalfen »KRIEG UND FRIEDEN« nicht auf die Bühne. Nach seinem Tod brachten einige wenige Aufführungen Prokofjews größtem Werk nicht die Wahrnehmung ein, die seinem Potenzial gebührt. In seiner Kölner Inszenierung versucht Nicolas Brieger, die ursprünglichen Intentionen Prokofjews wieder freizulegen. Die patriotischen Aspekte werden zugunsten der privaten Konstellationen der Protagonisten, die in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Russen und Franzosen zerrieben werden, zurückgenommen. Mit der schönsten vorstellbaren Musik schildert Prokofjew anrührende, nie sentimentale Szenen des Scheiterns privater Liebes- und Lebensentwürfe. Er folgt Tolstoi auch in der ernsten Suche nach einem Sinn des Lebens und der Frage nach der Aufgabe, die es dem Menschen stellt. Anders als der Schriftsteller verweigert der Komponist seinen Figuren jedoch eine bequeme Rückkehr ins normale Leben. Der unaufgelöste Schluss überlässt den Einzelnen seiner Einsamkeit, der Ewigkeit von (Selbst-)Refexion und öffentlicher Betrachtung. Prokofjews »KRIEG UND FRIEDEN« zeigt sich als zeitloses Werk universaler Aussage mit schier unglaublichen historischen und thematischen Parallelen.